"Terror - Ihr Urteil"
Dimensionen eines Medienereignisses

Abstracts

Recht, Literatur und Populärkultur – Überlegungen ausgehend von „Terror – Ihr Urteil“ (Elisabeth Holzleithner)

„Law and Literature“ ist mittlerweile fast ein altehrwürdiges Feld rechtswissenschaftlicher Betrachtung geworden. Demgegenüber ist das Verhältnis zwischen Recht und Populärkultur ein wesentlich rezenteres und weniger etabliertes Wissensgebiet. Das Stück „Terror – Ihr Urteil“ und seine Verfilmung für ein Fernsehpublikum ist an der Schnittstelle von Recht, Literatur und Populärkultur angesiedelt. Der Vortrag exploriert die Dimensionen dieser Schnittstelle. Er wird sich entlang einer Auseinandersetzung mit dem befehlswidrigen Handeln des Kampfpiloten beim Abschuss der Verkehrsmaschine insbesondere der in der Populärkultur höchst populären Figur des Renegaten widmen. Wie stellt sich sein rechtswidriges Handeln im Lichte der Anforderung der Rechtsstaatlichkeit dar respektive inwieweit wird diese dadurch in Frage gestellt, zumal im Kontext terroristischer Bedrohung im Gefolge von 9/11? Fragen wie diesen wird nicht zuletzt im Vergleich mit anderen popkulturellen Erzeugnissen wie der Fernsehserie „24“ nachgegangen.


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Moralphilosophische Erörterung von Dilemmata im Handeln gegen den Terror (Angela Kallhoff)

Der Vortrag widmet sich einer ethischen Analyse der Abläufe und Geschehnisse, die mit dem Abschuss der Passagiermaschine ihr tragisches Ende finden. Zunächst werden Optionen erläutert, auf der Grundlage jeweils eines ausgewählten Bewertungskriteriums ein eindeutiges Urteil - wie in dem Abstimmungsverfahren gefordert - zu rechtfertigen. Diese an den klassischen Theorien der Ethik orientierten Ansätze greifen jedoch zu kurz. Deshalb wird in einem zweiten Durchgang erläutert, welche Dilemmata entstehen, sofern mehrere Bewertungshorizonte zugelassen werden. Ziel des Vortrags ist es, schlüssige und gleichwohl einander widersprechende Beurteilungswege aufzuzeigen.


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„Terror – Ihr Urteil“: Zur medialen Emotionalisierung juristischer Prozesse (Jens Eder und Eva Flicker)

Der Vortrag untersucht den TV-Film „Terror – Ihr Urteil“ und das darum herum inszenierte Medienevent dreier öffentlich rechtlicher Fernsehsender (ARD, ORF, SRF) aus medienwissenschaftlicher und mediensoziologischer Sicht. Im Zentrum stehen dabei folgende zentrale Elemente des Drei-Länder-Medienereignisses (Deutschland, Österreich, Schweiz). Erstens: Der TV-Film ist als Kammerspiel einer Gerichtsverhandlung eine fiktionale Inszenierung und suggeriert gleichzeitig real-juristische Praktiken. Analysiert werden die rhetorisch-dramaturgischen Strategien und ästhetischen Stilmittel zur Unterhaltung, Emotionalisierung und Beeinflussung des Fernsehpublikums. Zweitens: Die ZuschauerInnen können sich als disperses TV-Publikum zum kollektiven Richter über „Freispruch“ oder „Schuldspruch“ Selbstaufwertung verschaffen, spielen partizipatives TV und bestimmen so nicht nur das Urteil des fiktiven Gerichtsverfahrens, sondern auch das Ende des Spielfilms. Drittens: Die mediale Einbettung des Schauspiels wird – in jedem Land und auf jedem Sender getrennt - von vorangehenden „Teasern“ und nachfolgenden TV-Live-Diskussionen als Besonderheit in den täglichen Kampf um Aufmerksamkeit eingebettet. Die Dreiländershow, die Medieninszenierung und ihr gesellschaftlicher Kontext eröffnen eine Vielzahl von nicht eingelösten Ankündigungen grundlegender rechtstaatlicher Debatten im öffentlichen Diskurs/Viskurs.
Die beiden Vortragenden legen zahlreiche Fragen und Widersprüche medialer Emotionalisierung und medialen Affekthandelns offen – und auch ihre eigenen divergierenden Wahrnehmungen – und greifen dabei auch das Prinzip der Publikumsbeteiligung auf.


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Verfassungsrechtliche Aporie? Selbstbindung des Staates an Grundrechte (Anna Katharina Mangold)

Darf der Staat Personen unschädlich machen, die andere bedrohen? Darf der Staat das auch dann noch, wenn mit den Tätern zwangsläufig auch Unschuldige sterben werden? Wie sieht es aus, wenn durch die Tötung einiger weniger Unschuldiger viele andere Unschuldige gerettet werden können? Diese Fragen stellen sich im Falle von terroristischen Anschlägen nicht nur als philosophisches, sondern auch als verfassungsrechtliches Problem: Ist dem Staat von Verfassung wegen untersagt, bestimmte zur Gefahrenabwehr geeignete Maßnahmen zu ergreifen, selbst wenn im Falle des Verzichts auf die Maßnahme unschuldige Opfer zu beklagen sein werden?
Der Vortrag argumentiert, dass moderne demokratische Rechtsstaaten sich um der Freiheit und Würde der Einzelnen willen an Grundrechte binden. Sie erlauben im Umgang mit gefährlichen Personen nicht alle rein tatsächlich möglichen Mittel. Erlaubt sind vielmehr nur grundrechtlich zulässige Maßnahmen. Die Selbstbindung an Grundrechte führt dazu, dass der Staat in gefährlichen Situationen nicht alle denkbaren Maßnahmen zur Gefahrenabwehr ergreifen darf. Nur durch diesen Verzicht auf an sich mögliche Maßnahmen kann sichergestellt werden, dass stets die Menschen und ihre Würde Zweck allen staatlichen Handelns bleiben und der Staat nicht im Einzelfall, wenn es opportun erscheint, ihre Würde für den größeren Zweck opfert. Der Grundrechtsstaat darf Unschuldige nicht schützen, indem er andere Unschuldige umbringt. Die Selbstbindung an Grundrechte ist ein Wagnis, das der moderne demokratische Staat um Freiheit und Würde der Einzelnen willen eingeht.


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Rettungsabschuss: Strafrechtliche Dogmatik an ihren Grenzen (Ingeborg Zerbes)

Die strafrechtliche Verbrechenslehre, wie sie im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und heute noch gilt, erlaubt dem Staat ausnahmslos nur dann auf ein mit Strafe bedrohtes Verhalten tatsächlich mit Strafe zu reagieren, wenn der Täter auch rechtswidrig und schuldhaft gehandelt hat. Diese beiden Kategorien verfügen jeweils über einen einigermaßen robusten Kern. Die dahinterstehenden Wertungen sind einfach nachvollziehbar, entsprechen sie doch einigermaßen breit geteilten Gerechtigkeitsvorstellungen der westlichen Gesellschaften. Das Szenario eines Rettungsabschusses erschüttert sie jedoch in dieser Selbstverständlichkeit: Hier rettet der fiktionale Täter Menschenleben durch die Opferung anderer Menschenleben – und die überwältigende Mehrheit des zur Abstimmung aufgerufenen Publikums plädiert für seinen Freispruch. Damit stellt sie den bislang weitgehend unbestrittenen Grundsatz in Frage, dass das menschliche Leben ein absoluter und daher nicht quantifizierbarer Wert ist. Hat diese Mehrheit recht? Lässt sich ein Recht zum Rettungsabschuss vertreten oder bloß eine Entschuldigung? Inwiefern ist das Handeln einer Privatperson anders zu bewerten als staatliches Handeln, und, ganz generell gefragt: Wie weit sind wir bereit, zur Abwehr von Terrorismus die Grundsätze zu verschieben, die traditionell für Rechtsstaatlichkeit stehen? Sind diese Grundsätze nicht mehr zeitgemäß?


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Leben im Ausnahmezustand: Wege zum Präventionsstaat? (Heiner Bielefeldt)

Terrorismus stellt den Rechtsstaat immer wieder aufs Neue auf die Probe. Dabei geht es zum einen darum, durch Einsatz präventiver und repressiver Mittel möglichst wirksamen Schutz gegen terroristische Bedrohung zu schaffen. Dies gehört zu den Kernfunktionen des Staates. Zum anderen gilt es zu gewährleisten, dass der Rechtsstaat bei der Durchführung dieser Schutzfunktion seinerseits konsequent dem Recht verpflichtet bleibt und dass diese Rechtsbindung auch institutionell nachvollziehbar kontrolliert wird. Dies fällt nicht leicht, definiert aber den Rechtsstaat. Die Menschenrechte, die innerhalb der Rechtsstaatlichkeit eine zentrale Rolle innehaben, lassen dem Staat zwar manche Spielräume, sind aber keineswegs beliebig gegen Sicherheitsinteressen "abwägbar", wie oft unterstellt wird. Dies zeigt sich insbesondere an einigen "roten Linien", die für den Rechtsstaat unüberschreitbar sind. Auch im Blick auf tatsächliche oder vermeintliche Dilemma-Situationen, diese unbedingte Rechtsbindung durchzuhalten, ist langfristig im Übrigen auch für die Sicherheitspolitik sinnvoll.


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Für unsere Programmplanung wird um Anmeldung gebeten: rrk@univie.ac.at

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"Terror - Ihr Urteil"
Dimensionen eines Medienereignisses


22.-23.11.2017
Dachgeschoß im Juridicum
Schottenbastei 10-16
1010 Wien


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Aktuelle Inszenierung in den Kammerspielen der Josefstadt, Premiere am 23.11.2017